Sonntag, 27. April 2008

Auf der falschen Seite der Straße




Wandern in den Alpen ist NICHT dasselbe wie Trekking in den Anden! Für dieses Wochenende hatte ich mir einen Trekking-Ausflug in die Anden vorgenommen. Dafür hatte ich ja auch in Deutschland schon die nötige Ausrüstung besorgt: Wanderschuhe, guter Rucksack und Wind- und Regenjacke. Es soll also keiner sagen, ich wäre nicht vorbereitet gewesen! Ich sah zumindest vorbereitet aus. Denn was nach der knapp 2stündigen Fahrt auf mich und meine 2 deutschen Mitstreiter wartete, war dann doch: unerwartet! Vorbei an kleinen Dörfern und dann unendliche Serpentinen hoch (siehe Bild) ging es in ein kleines Skigebiet, dass wir bebergsteigen wollten :) Aber was heißt 'wollten'...Die Aussicht war fantastisch, Santiago lag im Smog und wir erfreuten uns der herrlichen Aussicht, den teilweise schneebedeckten Bergen, der wohltuenden Ruhe und der strahlenden Sonne. Zumindest so lange, bis ich die ersten Meter steilbergan gelaufen war und mich ernsthaft fragte, ob ich das wirklich, ernsthaft wollte. Wäre es nicht einfacher mich einfach hinzusetzen und zu warten bis die anderen wieder kämen? Ich könnte die Ruhe genießen, etwas zu schreiben hatte ich dabei und für Essen und Trinken hatte ich sowieso gesorgt...Diese Gedanken begleiteten mich die erste Stunde als ich japsend, schwitzend, hoch konzentriert nicht den Fuß auf lose Steine zu setzen und Stück für Stück die 400 Höhenmeter überwand. Wohlgemerkt von 2000m an!
Als "gut" konnte ich meine Kondition damit - selbst vor mir selbst - nicht mehr bezeichnen! Zum Glück kam nach dem ersten steilen Anstieg (z.T. durch die Wildnes) ein gut ausgebauter Weg auf einem Kamm - an dieser Stelle musste ich dann feststellen, dass meine Zweifel im Auto bezüglich des Batteriestandes meiner Kamera berechtigt waren. Sie piepte mir "low battery" entgegen und verabschiedete sich. Vielleicht hatte sie aber auch meinen kläglichen Anblick nicht ertragen - siehe Bild :)
Es wurde trotzdem noch ein sehr schöner Ausflug mit netten Leuten, dem majestätischen Anblick der Kondore und vielen Erklärungen durch unseren Guide.
Abends konnte ich dann bei einer Kollegin und ihren Freunden entspannen, die verbrauchten Kalorien (sicher dreifach) wieder auffüllen, den leckeren chilenischen Wein genießen (der Mann meiner Kollegin ist Weinhändler und betreut u.a. Kunden in den USA - für unsere Marketingleute: ihr Mann ist KAM und betreut die Key Accounts im US Market :) ) und den chilenischen Top Themen lauschen...
"Was hat das alles mit der falschen Straßenseite zu tun?" fragt ihr euch sicher! Beim Autofahren saß ich auf alle Fälle auf der richtigen Seite und konnte die schöne Natur genießen. Aber da ich euch ja auch ein wenig die Kultur und das Leben in Chile nahebringen will, hier wieder ein Ausflug in das Leben in Santiago: Straßen gibt es viele, nur an Straßennamen mangelt es anscheinend. Anders ist es nicht zu erklären, dass eine Straße von Nord nach Süd ca. 20 km lang den gleich Namen trägt und damit Hausnummern in die Zehntausende besitzt. Deshalb trifft man sich (ähnlich wie in New York) auch immer an Ecken - z.B. Apoquindo con Evaristo Lillo (da bin ich!). Gestern erfuhr ich außerdem, dass nach einem Regierungswechsel auch Straßennahmen geändert werden - eine "Pinochet-Straße" wäre heute undenkbar. (Pinochet war ein chilenische Diktator, der die Regierung von Allende stürzte und jahrelang Chile regierte und militärisch unterdrückte. Interessanterweise arbeitet mein deutscher "Mitwanderer" im Auftrag der chilenische Regierung an der Aufklärung tausender Fälle verschwundener und getöteter Menschen aus dieser Zeit - quasi als CSI:Santiago-unlimited) Zurück zu den Straßen: Eine Straße hat also viele Kilometer, in der sich ihr Aussehen - und damit auch das Ansehen der Bewohner - ändert. Sag mir, wo du wohnst und ich sag dir wie viel Geld, Ausbildung und Aufstiegschancen du hast. Falsches Viertel? Schade, dann wird es wohl nichts mit der Karriere und dem sozialen Aufstieg. Denn die Vermischung der verschiedenen sozialen Schichten ist weder normal noch ausdrücklich gewünscht. "Eigentlich unglaublich", habe ich mir gedacht, "wenn einer klug ist und etwas drauf hat, ist es doch egal, wo er herkommt. Noch dazu, wenn er alle Anstrengungen unternimmt aus seiner ohnehin schlechteren Position etwas (oder noch viel mehr) zu machen". Denn wovor haben die oberen Schichten Angst? Dass man ihnen etwas von ihrem leckeren, schönen Kuchen wegnimmt? Dass sie vielleicht nicht mehr die einzigen sind, die sich mehr leisten können? Oder davor, dass sie sich nicht mehr durch ihre Kleidung, Autos oder Konsumgüter unterscheiden können und vergleichbar, normal, durchschnittlich, also nicht mehr besonders werden?
Typischer Fall von "noch nicht so weit entwickelt" dachte ich mir - und dann fiel mir ein, dass Wilhelmsburg und Blankenese nichts anderes sind als Maipú und Las Condes. Und dass wir in Deutschland durch die Benachteiligung der Immigranten oder den unteren sozialen Schichten in der schulischen Bildung nicht so weit von dieser Diskriminierung entfernt sind. - Typischer Fall von "noch nicht so weit entwickelt" denke ich mir... (mehr dazu auch bei Bodo Wartke "Die Amerikaner" http://www.bodo-wartke.de/seiten/index.php?nav=45&medien_id=116 )

1 Kommentar:

Sandra hat gesagt…

Ah yesse, werry interessante. :)
schoen, dass Du so viel erlebst Mausilein!