Vielleicht erinnert ihr euch noch an mein Erstaunen und meine Anerkennung, dass so viele Chilenen nach der Arbeit noch studieren - ich mache gerade einen kleinen Selbstversuch ;) Für 3 Wochen habe ich folgenden Plan (natürlich zusätzlich zum normalen Arbeitstag!): Montag und Mittwoch Excel-Kurs (auf Spanisch, was dachtet ihr denn) von 18:20 - 22:20 Uhr und Donnerstag noch Spanisch von 19 - 21 Uhr. Da weiß man dann abends, was man gemacht hat. Netterweise gibt es in der Excelkurs-Pause Mini-Sandwiches :) Ich habe keine Ahnung, wie die Leute hier 3 Jahre und mehr mit ähnlichen Wochenplänen (meist nur einen freien Tag und Unterricht von 19 - 23 Uhr) durchhalten. Das Sozialleben ist da wohl eher auf Schlafen und Essen beschränkt...
Und noch ein wenig mehr chilenisches Leben: Ich war mit meinen Kolleginnen letztes Wochenende Fahhräder kaufen - bin ich stolz auf meine technische Bildung durch meinen Papa und Opa! Ich konnte nicht nur auf die Nützlichkeit von Licht, Luftpumpe und Schutzblech
Wie überall auf der Welt gehen auch hier die Jugendlichen durch ihre individuellen "Ich-will-anders-sein"-Phasen, um sich sodann in Gruppen zusammen zu tun und sich strengen Kleiderregeln zu unterwerfen und darin total unterzugehen, weil alle gleich aussehen :) Santiago erlebt gerade eine extreme "Pokemon" Phase. Ich dachte dabei ja zuerst an die ulkigen
Ich bin also gestern mal wieder (und sogar bei recht gutem Wetter, juchhu!) durch die Santiagoer Innenstadt geschlendert, habe das Präkolumbianische Museum und den Mercado Central besucht (Fisch über Fisch über Muscheln über irgendwelche Steine aus denen dann doch Tentakeln herausragten über viele Verkäufer, die mich ständig vom Kauf irgendwelcher Sachen überzeugen wollten), die Pokemon-Jugendlichen bewundert, den Kellner vom berühmten (und sehr leckeren!) Dominó-Imbiss glücklich gemacht, weil die Ausländerin einen Lomito Aleman bestellte
Und zum Schluss noch dies: Ich habe mich schon über die wenigen, und von mir doch so geliebten, Buchläden gewundert. Zeitschriften gibt es ebenfalls fast ausschließlich an den Kiosken an der Straße und die Preise sind gelinde gesagt, recht üppig. Durch ein Gespräch mit meinem Kollegen Rodrigo habe ich erfahren, dass das ehemalige Militär-Regime eine hohe Buchsteuer eingeführt hatte. Denn wenn Bücher teuer sind, lesen die Menschen weniger, sind weniger gebildet, stellen weniger Fragen, fordern weniger Rechte ein und sind somit leichter zu führen und zu beeinflussen. Diese Buchsteuer besteht bis heute weiter und kann durch die Verteilung im Kongress und die im koservativen Flügel immer noch bestehende (wenn für mich auch vollkommen irrationale und abscheuliche) Ansicht, dass das Volk keine Bildung braucht, nicht gekippt werden. Damit geht natürlich auch irgendwann das Interesse an Büchern und Bildung verloren...Gottseidank gibt es aber seit einigen Jahren eine engagierte Politikerin, die ein Netz aus kleinen Bibliotheken in U-Bahnstationen initiiert hat, die auf große Begeisterung gestoßen sind! (Auch wenn andere Politiker dieses Projekt zuerst totreden wollte, indem sie bezweifelten, dass die ausgeliehenen Bücher je wieder zurück gebracht würden...)
So, dass waren also wieder einmal ein paar Eindrücke und Einblicke in das chilenische Leben. Ich habe heute noch einen kleinen Fahrradausflug mit meinen Kolleginnen gemacht (und nebenbei die Schaltung erklärt...) und die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen genossen. Als optimistischer Typ hoffe ich deshalb auf einen baldigen Wetterumschwung!
Euch wünsche ich einen guten Start in die Woche und: nos leemos! Beso fuerte!
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