Montag, 4. August 2008

Mis semanas chilenas

Ich habe festgestellt, dass dieser Blog-Software ein wichtiges Instrument fehlt: eine Such-Funktion! Ich möchte euch ja nicht mit den immer gleichen Informationen und Anekdötchen langweilen und musste deshalb durch meine mittlerweile doch schon ganz schön langen Blog-Beiträge suchen, ob ich mich heute wiederholen werde...und ihr habt Glück: es gibt noch viel Lustiges und Eigentümliches zu berichten.
Vielleicht erinnert ihr euch noch an mein Erstaunen und meine Anerkennung, dass so viele Chilenen nach der Arbeit noch studieren - ich mache gerade einen kleinen Selbstversuch ;) Für 3 Wochen habe ich folgenden Plan (natürlich zusätzlich zum normalen Arbeitstag!): Montag und Mittwoch Excel-Kurs (auf Spanisch, was dachtet ihr denn) von 18:20 - 22:20 Uhr und Donnerstag noch Spanisch von 19 - 21 Uhr. Da weiß man dann abends, was man gemacht hat. Netterweise gibt es in der Excelkurs-Pause Mini-Sandwiches :) Ich habe keine Ahnung, wie die Leute hier 3 Jahre und mehr mit ähnlichen Wochenplänen (meist nur einen freien Tag und Unterricht von 19 - 23 Uhr) durchhalten. Das Sozialleben ist da wohl eher auf Schlafen und Essen beschränkt...
Und noch ein wenig mehr chilenisches Leben: Ich war mit meinen Kolleginnen letztes Wochenende Fahhräder kaufen - bin ich stolz auf meine technische Bildung durch meinen Papa und Opa! Ich konnte nicht nur auf die Nützlichkeit von Licht, Luftpumpe und Schutzblech hinweisen, sondern auch noch die Funktionsweise einer Klingel erklären ("Nein, die Klingel ist nicht kaputt, du darfst sie nur nicht oben anfassen, damit der Ton auch klingen kann...") Nach diesen schweren Entscheidungen gingen wir Sutschi essen. Jahhaaa, ihr lest richtig "Sutschi"! Der allgemeine Upper-class Chilene distanziert sich nämlich auch durch seine Aussprache von den unteren sozialen Schichten. Die sprechen bestimmte Laute als "sch" aus, auch wenn diese eigentlich als "tsch" ausgesprochen werden sollten. Und so vermeidet der Oberklassen-Chilene jegliches "sch" und macht aus "Sushi" eben "Sutschi". Dabei belassen es die Chilenen aber nicht. Was ihnen unter die Finger und in die Münder kommt, wird chilenisiert - neben Sprache auch das Essen. Chilenisches Sushi gibt es deshalb in den Varianten: mit Avocado drumherum (statt Algen, denn Avocado gibt es eh mehr als genug), aber auch warm, mit gedünstetem Lachs und frittiert mit Eihülle um die Algen (frittiert schmeckt dem Chilenen sowieso alles besser). Japanische Touristen werden ihre Nationalküche also "leicht" modifiziert vorfinden. Im übrigen habe ich gestern einen Lomito Alemana (eine Art chilenische Hamburger) gegessen. Und alles was unter "Alemana", also deutsch, verkauft wird, muss - ihr ahnt es bereits - mit Sauerkraut serviert werden. Geht doch mal in den nächsten Imbissladen und bestellt eure Hamburger und Hot Dogs mit Sauerkraut! Schnapsschüsse vom Gesicht des Imbissbudenpersonals veröffentliche ich gern!
Wie überall auf der Welt gehen auch hier die Jugendlichen durch ihre individuellen "Ich-will-anders-sein"-Phasen, um sich sodann in Gruppen zusammen zu tun und sich strengen Kleiderregeln zu unterwerfen und darin total unterzugehen, weil alle gleich aussehen :) Santiago erlebt gerade eine extreme "Pokemon" Phase. Ich dachte dabei ja zuerst an die ulkigen japanischen Comic-Figuren, die vor einigen Jahren (oder immer noch?) durch die Schulhöfe wanderten. Aber hier wird damit die schwarz-rot-weiß/Emo/New Punk/Totenkopf/schwarzer Kajal und langer schräger Pony-Mode bezeichnet, die (Globalisierung sei dank!) ja auch in Deutschland und wahrscheinlich im Rest der Welt zu finden ist. Ich finde die Kreativität und das Selbstbewusstsein ja immer bewunderswert, aber nach eine emotionalen Diskussion mit einigen Kolleginnen hatte ich das Gefühl, da eher allein da zu stehen (O-Ton: "Warum macht man sich den so häßlich und was soll denn nur aus denen werden und wenn die mal arbeiten gehen wollen und überhaupt, was das für einen Eindruck macht und nein, sowas geht doch nicht"). Tja, da sag ich nur: schon seit Goethe wurde mit der nächsten Jugendgeneration der Weltuntergang vorausgesagt! Obwohl, wenn ich mir "die Jugend von heute" so anschaue, dann könnte er vielleicht bevorstehen.... :)
Ich bin also gestern mal wieder (und sogar bei recht gutem Wetter, juchhu!) durch die Santiagoer Innenstadt geschlendert, habe das Präkolumbianische Museum und den Mercado Central besucht (Fisch über Fisch über Muscheln über irgendwelche Steine aus denen dann doch Tentakeln herausragten über viele Verkäufer, die mich ständig vom Kauf irgendwelcher Sachen überzeugen wollten), die Pokemon-Jugendlichen bewundert, den Kellner vom berühmten (und sehr leckeren!) Dominó-Imbiss glücklich gemacht, weil die Ausländerin einen Lomito Aleman bestellte und habe mich über die Unordnung gewundert: Sägespäne in den Ladeneingängen? Sonst sind die Chilenen doch recht ordentlich und die Straßen sauber? Aber: wie immer konnte ich dazulernen! Ende der Woche hatte es geregnet und wie es um das Abwassersystem in Santiago bestellt ist, habe ich ja schon einschlägig beschrieben. Was macht also der kluge Kaufmann? Schippt sich Sägespäne in den Ladeneingang, damit das Wasser nicht in den Laden fließt und gleichzeitig die werte Kundschaft keine nassen Füße bekommt. Einfach schlau der Chilene :)
Und zum Schluss noch dies: Ich habe mich schon über die wenigen, und von mir doch so geliebten, Buchläden gewundert. Zeitschriften gibt es ebenfalls fast ausschließlich an den Kiosken an der Straße und die Preise sind gelinde gesagt, recht üppig. Durch ein Gespräch mit meinem Kollegen Rodrigo habe ich erfahren, dass das ehemalige Militär-Regime eine hohe Buchsteuer eingeführt hatte. Denn wenn Bücher teuer sind, lesen die Menschen weniger, sind weniger gebildet, stellen weniger Fragen, fordern weniger Rechte ein und sind somit leichter zu führen und zu beeinflussen. Diese Buchsteuer besteht bis heute weiter und kann durch die Verteilung im Kongress und die im koservativen Flügel immer noch bestehende (wenn für mich auch vollkommen irrationale und abscheuliche) Ansicht, dass das Volk keine Bildung braucht, nicht gekippt werden. Damit geht natürlich auch irgendwann das Interesse an Büchern und Bildung verloren...Gottseidank gibt es aber seit einigen Jahren eine engagierte Politikerin, die ein Netz aus kleinen Bibliotheken in U-Bahnstationen initiiert hat, die auf große Begeisterung gestoßen sind! (Auch wenn andere Politiker dieses Projekt zuerst totreden wollte, indem sie bezweifelten, dass die ausgeliehenen Bücher je wieder zurück gebracht würden...)
So, dass waren also wieder einmal ein paar Eindrücke und Einblicke in das chilenische Leben. Ich habe heute noch einen kleinen Fahrradausflug mit meinen Kolleginnen gemacht (und nebenbei die Schaltung erklärt...) und die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen genossen. Als optimistischer Typ hoffe ich deshalb auf einen baldigen Wetterumschwung!
Euch wünsche ich einen guten Start in die Woche und: nos leemos! Beso fuerte!

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