Samstag, 23. August 2008

Ostdeutsche Produkte erobern chilenische Supermärkte

Ihr habt richtig gelesen! Was für viele Supermärkte in Baden-Württemberg auch nach 19 Jahren deutscher Einheit noch undenkbar ist, in Santiago de Chile ist es Wirklichkeit: ich habe Burger-Knäckebrot im Jumbo (einem Hyper-Supermarkt ca. 2 mal so gross wie ein real oder toom markt) entdeckt. Und natürlich gekauft ;) Ich hätte auch Russisch Brot von Bahlsen, Konserven von Hengstenberg, Marmelade aus Bad Schwartau, Käsekuchenhilfe von Dr. Oetker oder Ritter Sport Zartbitter kaufen können. Leider haben es noch nicht alle Waren ans andere Ende der Welt geschafft. Um Quark oder Nussbrot oder naturtrüben Apfelsaft genießen zu können, muss ich als noch 5 Wochen warten. Unglaublich oder? Die Zeit verfliegt und bin sicher, dass gerade die letzten Wochen noch schneller vergehen werden. Aber da es ja hier auch sehr leckere Sachen gibt - was in der Zwischenzeit auch meine Hosen gemerkt haben :( - hier ein paar Empfehlungen: Fajitas sind eine mexikanische Spezialität und ein super Familien- und Freundeessen. Verschiedene Fleischarten oder Gambas werden scharf mit Zwiebeln und Paprika angebraten und dann gibt es einen Haufen von Soßen und frischem Gemüse und Käse auf dem Tisch und jeder macht sich seinen eigene Wrap/Tortilla oder wie immer man es nennen will. Auch sehr lecker: Ceviche. Das ist roher Lachs/Fisch, der mit Zwiebeln und viiiiiiel Zitronensaft so eingelegt wird, dass er quasi durch die Säure gebeizt wird. Und immer wenn ich wieder mal so eine Leckerei entdecke, lerne ich auch noch die Familien meiner Kolleginnen kennen. Samt Schwiegereltern, Omas, Tanten, Schwagern usw. Denn ein Almuerzo = Mittagessen beginnt traditionell gegen 14 Uhr und dauert gut 2 - 3 Stunden. Mit zig Kleinigkeiten als Vorspeise, Pisco Sour, dem superwichtigen Asado = gebratenes Rindfleisch in verschiedenen Varianten, Wein und natürlich einem unheimlich süßen Dessert. Wirklich eine schöne Art den Nachmittag zu verbringen! Und nebenbei mit dem ein oder anderen Vorurteil konfrontiert zu werden. Dass Deutsche so freundlich und herzlich sein können! Und dass es bei uns auch richtig gute Parties gibt! Und dass ich nicht gleich heiraten werde, wenn ich nach Deutschland zurückkomme (in meinem hohe Alter immerhin!)! Und eine Sache hat mich echt zum Überlegen gebracht und ich möchte das hier mal zur Diskussion stellen. Ein Unterschied zwischen Deutschen und Chilenen ist der Umgang mit Resourcen und der Umwelt. Wir gehen sparsamer mit Wasser, Licht und Strom um (abgesehen davon trennen wir auch noch Müll, kaufen uns kleinere Autos, um den Benzinverbrauch einzuschränken und gehen (meist) auch sorgsam mit Essen um, denn wer kennt nicht kuriose Resteessen). Die Erklärung der Chilenen für solches Verhalten, wie auch für die Tatsache, dass wir Deutschen länger in unseren Jobs und bei einem Arbeitgeber bleiben und nicht alle 2 Jahre zum nächsten wechseln, um ein paar Euro mehr zu verdienen, ist einfach: der 2. Weltkrieg. Denn die Deutschen haben den 2. Weltkrieg erlebt, und Verlust und Knappheit kennen gelernt und verhalten sich deshalb auch heute noch so. Aus Sicherheitsverlangen. Oder Verlustängsten? Ich habe wirklich darüber nachgedacht! Bisher war ich der Meinung, mein "Sparverhalten" sei etwas Natürliches. Ich spare ja nicht so, dass es mir an irgendwas fehlen würde. Aber ich veschwende auch keine Resourcen, da es 1. Geld kostet, 2. nicht gut für die Umwelt ist und ich 3. sicher bin, dass auch nachfolgende Generationen gern noch etwas Wasser haben wollen. Und was den Job angeht: für mich hat es etwas mit Loyalität, Kontinuität und Entwicklung zu tun länger als nur 2 Jahre bei einem Arbeitgeber zu bleiben. Was natürlich Wechsel, gerade am Anfang der Karriere überhaupt nicht ausschließt! Sind das also meine Ausreden für wenig Flexibilität und die Scheu vor einem Risiko? Oder ist es eine Ausrede für Chilenen sich nicht um die Umwelt kümmern zu müssen, weil es hier nie großflächlige menschliche Katastophen und deshalb keinen Grund zum Sparen gab? (denn dass das Land keinen großen Krieg in den letzten Jahrhunderten erlebt hat, ist auf keinen Fall mit einem Friede-Freude-Eierkuchen-Leben gleichzusetzen!) Und braucht man einen Grund, um sich für die Erhaltung der Erde und der (halbwegs) intakten Natur zu interessieren? Aber da sind wir schon wieder bei einem seeehr weiten Feld...
Und dann gab es noch weitere Kuriositäten: habe ich euch schon von unseren U-Bahnlinien in Santiago erzählt? Ich nutze die Linie 1, darüber hinaus gibt es noch die Linien 2, 4, 4A und 5. Habt ihr was gemerkt? Genau! Die 3 fehlt. Aber das stört hier niemanden. Angeblich ist das eine Linie, die zwar geplant aber noch nicht umgesetzt ist (aber warum benennt man dann nicht einfach die nächste gebaute Linie 3????). Und dann gab es noch....
Pizza mit Ratenzahlung. Das Angebot von Telepizza (einem Pizzalieferservice): Die Rechnung in 3 Raten zu zahlen, ohne Zinsen. Als ich die Anzeige überrascht (und zugegebenermaßen etwas belustigt) meinen Kolleginnen vorlas, erntete ich empörten Protest. Es gäbe eben viele Familien, die sich nicht mal eben ein Familienpizzaessen leisten könnten. Das stimmt. Mein Argument: das verstehe ich ja, aber wenn ich es mir nicht leisten kann, kann ich das eben nicht machen. Dann muss ich eben im Supermarkt Pizza kaufen oder selber welche machen, oder oder. - Ich würde als den armen Familien keine Pizza zugestehen? - Ähm, nein. Aber wenn es nicht im Budget ist, muss ich eben darauf sparen. Das ist ja auch nichts anderes als dann die Raten abzustottern. - Keine Chance. Ich war der unwissende und etwas arrogante Deutsche, der die Wirklichkeit nicht kennt. Und mein Argument, dass ich es auch nicht unbedingt fair von den ganzen Kaufhäusern, Supermärkten usw. fände, ständig alles auf Kreditkauf anzubieten, fand auch keine Zustimmung. In der Tat gibt es hier eine unübersehbare Anzahl an Kreditkarten. Und Supermärkte bieten z.B. besondere (billigere) Angebote bei Kreditkauf an. Dass diese Rabatte aber in keiner Weise die Zinszahlungen rechtfertigen und am Ende alles nur viel viel teuer wird, sehen viele Leute aber nicht. Sie werden von cleveren Geschäften verführt und reiten sich damit in immer größere Schuldenberge rein. Hurra ich kaufe mir einen Plasmafernseher, denn ich zahle ja jeden Monat nur 30 Euro. Und in ca. 5 Jahren besitze ich den Plasmafernseher dann auch schon. Wahrscheinlich für den 3fachen Preis, den er dann wert ist! Schon eine komische Art mit Geld umzugehen...
Ich glaube ich muss mal mit meiner Bank über einen Kredit reden...Ich habe da neulich so einen netten Porsche im Schaufenster gesehen...

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